Meine 9. Klasse in Geschichte hat Ende des Jahres im Deutschunterricht das Tagebuch der Anne Frank gelesen. Gemeinsam mit der Deutschlehrerin habe ich beschlossen, dass wir parallel dazu auch im Geschichtsunterricht arbeiten werden. Da die Klasse zuvor schon viel selbstständiges Arbeiten bei kleineren Projekten geübt hatte, entstand die Idee, mit mebis ein größeres Kapitel zur eigenständigen Erarbeitung – angelehnt an ein Portfolio – bereitzustellen.
Warum ein Portfolio?

In der Vergangenheit habe ich die Erfahrung gemacht, dass diese Arbeitsform allen Schülerinnen die Möglichkeit gibt, im eigenen Tempo und auf die eigene Weise zu lernen und bei Bedarf zu vertiefen. Vor allem wenn jemand schneller fertig war, konnte ich ausreichend weitere spannende Aufgaben und Themen anbieten. So ließ sich der bekannte Effekt umgehen, dass die einen nicht hinterherkommen und die anderen sich langweilen und dadurch Unruhe entsteht.
Aufbau der Einheit
Wie bereits in der Einleitung erwähnt, sollte die Einheit einen engen Bezug zu Anne Frank und ihrem Tagebuch haben, das die Klasse im Deutschunterricht gelesen und bearbeitet hat. Deshalb habe ich mir überlegt: Welche Themen hätten mich selbst interessiert, wenn ich als Schülerin das Tagebuch der Anne Frank gelesen hätte? Diese Überlegungen haben die Planung der Einheit entscheidend geprägt. Gleichzeitig habe ich darauf geachtet, dass sowohl der Lehrplan als auch die vorgesehenen Grundbegriffe abgedeckt sind. Zudem stand am Ende des Schuljahres ein Besuch in einer Gedenkstätte an, der ebenfalls als fester Bestandteil in die Einheit integriert wurde.

Angelegt habe ich die Einheit auf der Lernplattform mebis, die uns in Bayern vom Freistaat kostenfrei zur Verfügung gestellt wird. Mebis funktioniert ähnlich wie Moodle, falls ihr das kennt. Ich habe mich für das Kachelformat entschieden, weil es meiner Meinung nach am übersichtlichsten ist. Auf den Kacheln standen die Überschriften der einzelnen Kapitel, außerdem habe ich eine Aktivitätsverfolgung eingestellt. So konnten die Schülerinnen jederzeit sehen, wie weit sie schon waren. Das war ihnen überraschend wichtig – und dieses Feature habe ich deshalb auch für die Zukunft übernommen. Auf dem Bild oben erkennt man die unterschiedlichen Farben: Rot markiert die Pflichtkapitel, die alle bearbeiten mussten, Grau die freiwilligen Kapitel, die zur Vertiefung gedacht waren oder für diejenigen, die schneller fertig wurden.

Die Einheiten selbst bestanden aus einer Mischung von Texten, interaktiven Aufgaben, schriftlichen Abgaben, Karten, Videos und Podcasts. Mir war wichtig, den Schülerinnen ein möglichst breites Angebot zu machen, damit für jede etwas Passendes dabei ist. Das Schöne an mebis ist, dass viele der interaktiven Aufgaben direkt von den Schülerinnen selbst kontrolliert werden können – so bekommen sie sofort Feedback zu einem großen Teil ihrer Arbeit.
Die Abgaben
Neben den Aufgaben und Texten, die die Schülerinnen selbstständig erarbeitet haben, gab es auch schriftliche Abgaben, die alle erledigen mussten. Dabei durften sie teilweise das Format selbst wählen, teilweise war es von mir vorgegeben. So haben sie zum Beispiel einen Tagebucheintrag verfasst oder eine journalistische Arbeit erstellt. Dies war zugleich der Portfolioteil in mebis. Allerdings wurden die Abgaben direkt beim jeweiligen Kapitel eingereicht, sodass am Ende kein gesammeltes Dokument vorlag. Für mich war das in diesem ersten Versuch eine sichere Vorgehensweise.
Die Reflexion
Neben den Abgaben gehörte auch eine regelmäßige Reflexion der eigenen Arbeit sowie der gelernten Themen zu den Aufgaben der Schülerinnen in diesem Kurs. Die Reflexion erfolgte nach jeder Abgabe – das bedeutet, dass es bei vier Abgaben im Verlauf der Lerneinheit auch vier Reflexionen gab. Die Reflexionen waren an feste Termine gekoppelt, sodass die Schülerinnen sehen konnten, ob sie im Zeitplan lagen, ob noch Zeit für Vertiefungen blieb oder ob sie sich beeilen mussten.

Persönlich waren für mich die Reflexionen die überraschendsten Ergebnisse der gesamten Arbeit im Portfolio. Die Schülerinnen haben meiner Meinung nach für eine 9. Klasse sehr gut reflektiert und viele Gedanken eingebracht, mit denen ich niemals gerechnet hätte.
Der zeitliche Ablauf
Wie bereits im vorherigen Abschnitt erwähnt, waren die Reflexionen an feste Termine gekoppelt. Die Schülerinnen hatten für die Erarbeitung des Portfolios etwa sechs Wochen Zeit. Am Ende der Einheit haben wir das Portfolio – insbesondere die schriftlichen Abgaben – ausführlich besprochen. Während der Erarbeitung stand ich ihnen größtenteils zur Verfügung, konnte Fragen beantworten und über einzelne Aspekte diskutieren. Dabei fiel auf, dass sie sich mit einigen Themen stärker beschäftigten als mit anderen und hier Gesprächsbedarf bestand. An den Tagen, an denen ich als Lehrperson nicht verfügbar war, weil ich an Fortbildungen teilnahm, stellte dies kein Problem dar: Da die Schülerinnen selbstständig an ihrem Portfolio arbeiteten, kam der Zeitplan nicht ins Stocken. Die Vertretung musste den Schülerinnen lediglich den WLAN-Code geben, und sie konnten problemlos weiterarbeiten.
Die Bewertung
Da wir viel Zeit mit der Portfolioarbeit verbracht haben, habe ich mich entschieden, diese als alternative Prüfungsleistung zu bewerten. Dabei flossen verschiedene Komponenten in die Bewertung ein, die unterschiedlich gewichtet wurden:
-
Bearbeitung der Pflichteinheiten: In Mebis kann ich genau nachvollziehen, was und wie die Schülerinnen gearbeitet haben.
-
Vollständigkeit der Reflexion
-
Inhalt der Reflexion
-
Abgabe zur Reichspogromnacht
-
Abgabe zur „Machtergreifung“
Aus diesen verschiedenen Komponenten wurde anschließend eine Gesamtnote gebildet.
Immer wieder wird gefragt, ob das Vorgehen die Noten verfälschen könnte, da die Arbeit ja vermeintlich „einfach“ sei. Hier sei gesagt: Der Durchschnitt lag bei 2,35, was vollkommen im normalen Leistungsspektrum der Klasse liegt.
Woher habe ich die Aufgaben genommen?
Auf Instagram wurde ich oft gefragt, woher ich die Aufgaben für so ein großes Projekt eigentlich nehme. An dieser Stelle sei gesagt: Viele Aufgaben habe ich über die letzten Jahre gesammelt und bereits in meinem Unterricht verwendet.
Zudem bieten Schulbücher oder Websites von Museen einen tollen Fundus an Materialien – hier ein großes Dankeschön an das interaktive Lernportal vom Deutschen Historischen Museum (DHM). Auch ein Blick auf LearningApps und LearningSnacks lohnt sich: Dort haben andere Lehrkräfte oft qualitativ hochwertige Aufgaben erstellt, die man problemlos für den eigenen Unterricht nutzen kann. Denn niemand muss das Rad neu erfinden, wenn schon tolle Materialien existieren. Einen kleinen Teil der Aufgaben habe ich auch der KI to-teach.ai zu verdanken, die mir Aufgaben direkt als H5P-Dateien erstellt hat. Abschließend zur Vollständigkeit: Die Videos stammen alle von YouTube. Dort gibt es gerade zum Thema NS-Zeit einen großen Fundus, auch von öffentlich-rechtlichen Medien.
Fazit
Die Arbeit am Portfolio war für mich ein toller Testlauf, und ich werde dieses Format im nächsten Schuljahr zum Thema Zweiter Weltkrieg fortsetzen. Einige Stellschrauben habe ich bereits angepasst, und auch das Design ist ansprechender geworden, aber das Grundgerüst bleibt gleich. Neu ist, dass diesmal die Kurzarbeit am Ende der Einheit steht, was sicherlich zu der ein oder anderen Herausforderung führen könnte.
Zugang zum Kurs?
Da der Kurs auf der Lernplattform des Freistaates Bayern liegt, ist er aus verschiedenen Gründen nicht käuflich – diese Frage wurde mir nämlich schon häufiger gestellt. Außerdem kann ich ihn leider nicht für andere Bundesländer freigeben. Für bayerische Lehrkräfte wäre eine Nutzung grundsätzlich möglich, allerdings müsste ich dafür noch einmal Zeit investieren, um Quellenangaben zu ergänzen und einige Einheiten anzupassen. Wer sich jedoch nur inspirieren lassen möchte, kann mir gerne eine E-Mail schreiben. Dann kann ich interessierte bayerische Lehrkräfte direkt in den Kurs aufnehmen und einen Einblick ermöglichen.
Entdecke mehr von KMS-Bildung
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.