Künstliche Intelligenz hält zunehmend Einzug in den Schulalltag. Während viele Schülerinnen und Schüler Chatbots bereits selbstverständlich für Hausaufgaben, Referate oder zum Lernen nutzen, stellt sich für Lehrkräfte die Frage, wie diese Werkzeuge sinnvoll in den Unterricht integriert werden können.
Gerade im Lateinunterricht bietet sich dabei ein interessantes Einsatzfeld. Die Übersetzung lateinischer Texte stellt viele Schülerinnen und Schüler vor Herausforderungen: Satzstrukturen müssen erkannt, Formen bestimmt und passende Übersetzungen gefunden werden. Nicht selten benötigen die Lernenden dabei individuelle Unterstützung, die im Unterricht nicht immer in dem Umfang gegeben werden kann, wie es wünschenswert wäre.
Aus diesem Grund habe ich mich gefragt, ob ein Chatbot die Rolle eines Übersetzungstutors übernehmen kann. Kann er Schülerinnen und Schüler beim Übersetzen unterstützen, ohne ihnen einfach die fertige Lösung zu liefern? Ist es möglich, gezielte Hilfen zu geben, Fragen zu beantworten und den Übersetzungsprozess zu begleiten?
Um diese Fragen zu beantworten, bin ich zwei verschiedene Wege gegangen. Zum einen habe ich mit einer klassischen KI gearbeitet, bei der die Schülerinnen und Schüler einen entsprechenden Prompt eingeben mussten, um Unterstützung beim Übersetzen zu erhalten.
Zum anderen habe ich mit Brian gearbeitet. Der Vorteil dieses Tools besteht darin, dass es sich gezielt für eine bestimmte Aufgabe programmieren lässt. Die Schülerinnen und Schüler können dadurch direkt mit der Übung starten, ohne zunächst einen langen Prompt eingeben oder anpassen zu müssen. Stattdessen steht ihnen von Beginn an ein Chatbot zur Verfügung, der genau auf die jeweilige Übersetzungsaufgabe zugeschnitten ist.
Welche Unterschiede sich in der Praxis gezeigt haben und welcher Ansatz sich im Unterricht besser bewährt hat, möchte ich im Folgenden vorstellen.
Die klassische KI
Die klassische KI
Für den Test mit einem klassischen Chatbot, wie wir ihn vermutlich alle aus unserem Alltag kennen, habe ich zunächst Fobizz genutzt. Aus Gründen des Datenschutzes erschien mir die Plattform für den Einsatz mit einer Klasse als naheliegende Möglichkeit. Grundsätzlich lässt sich das Vorgehen aber auch auf andere KI-Anbieter übertragen.
Nach dem Login mussten die Schülerinnen und Schüler zunächst einen vorbereiteten Prompt eingeben. Dieser begann direkt mit der Aufforderung, den zu übersetzenden lateinischen Text einzufügen. Bereits die Verteilung des Prompts stellte sich dabei als kleine Herausforderung heraus. Wie teilt man ein so langes Dokument mit einer ganzen Klasse, ohne dass versehentlich etwas gelöscht oder verändert wird? ZumPad erwies sich hierfür nicht als die beste Lösung. Deutlich besser funktionierten Teams oder AirDrop.
Im Verlauf des Tests kam es bei Fobizz mehrfach zu technischen Schwierigkeiten, sodass ein Teil der Klasse auf andere KI-Modelle wie ChatGPT oder Copilot auswich. Die Screenshots in diesem Beitrag stammen deshalb teilweise aus ChatGPT. Am grundsätzlichen Vorgehen und am verwendeten Prompt änderte sich dadurch nichts.

Anschließend arbeiteten die Schülerinnen und Schüler mit dem Chatbot an der Übersetzung. Der Prompt war dabei so gestaltet, dass keine fertigen Lösungen ausgegeben wurden. Stattdessen erhielten die Lernenden Hilfestellungen bei der Analyse des Satzes, bei der Bestimmung von Formen oder bei Verständnisproblemen. Ziel war es, die Schülerinnen und Schüler beim Übersetzungsprozess zu unterstützen und nicht, ihnen die Arbeit abzunehmen.

Nachdem die Übersetzung fertiggestellt war, wurde die gemeinsame Lösung ins Heft übernommen. Damit unterschied sich der Ablauf zunächst nur wenig von einer klassischen Übersetzungsstunde – die Unterstützung kam jedoch nicht nur von der Lehrkraft, sondern auch vom Chatbot.
Der ChatBot „Brian“
In den Klassen 6 und 7 nutze ich für die Übersetzungsarbeit vor allem den Chatbot Brian als KI-Tutor (mehr dazu hier). Der Hauptgrund dafür ist die deutlich einfachere Bedienung. Nach dem Login über einen QR-Code in der Lernlandkarte können sich die Schülerinnen und Schüler direkt der aktuellen Lektion widmen, ohne zunächst einen Prompt eingeben oder weitere Einstellungen vornehmen zu müssen.

Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass Brian DSGVO-konform eingesetzt werden kann und damit die datenschutzrechtlichen Hürden deutlich geringer sind als bei vielen anderen KI-Anwendungen.
Auch die Arbeit mit Brian verlief nach einem ähnlichen Prinzip wie bei der klassischen KI. Die Schülerinnen und Schüler können Fragen zu Formen, Satzstrukturen oder Übersetzungsmöglichkeiten stellen und erhielten gezielte Hilfestellungen. Dabei war der Chatbot so eingestellt, dass er keine fertigen Lösungen vorgab, sondern die Lernenden Schritt für Schritt bei der Übersetzung unterstützte.

Gerade in den unteren Jahrgangsstufen zeigte sich dabei ein großer Vorteil: Die Schülerinnen und Schüler konnten sich vollständig auf die Übersetzungsarbeit konzentrieren, da die technische Hürde deutlich geringer war. Während bei der klassischen KI zunächst der Prompt verteilt und eingegeben werden musste, stand die Unterstützung durch Brian unmittelbar zur Verfügung.
Ein weiterer Vorteil von Brian besteht darin, dass sich die zu übersetzenden Texte in kleine Abschnitte gliedern lassen. Dadurch arbeiten die Schülerinnen und Schüler nicht direkt mit einer großen Textmenge, sondern können sich Schritt für Schritt durch die Lektion arbeiten. Gerade in den Jahrgangsstufen 6 und 7 habe ich die Erfahrung gemacht, dass dies die Hemmschwelle deutlich senkt und die Lernenden motivierter an die Übersetzung herangehen.

Zudem erhalten die Schülerinnen und Schüler am Ende jeder Lektion ein individuelles Feedback zu ihrer Arbeit. Darüber hinaus können sie auf Grundlage ihrer Ergebnisse weitere Übungen mit der KI bearbeiten und gezielt an ihren Schwächen arbeiten. Gerade diese Möglichkeit der individuellen Förderung empfinde ich als eine der größten Stärken der Anwendung.
Einige Anmerkungen aus der Erprobung von ChatGPT und Brian
Oft stellt sich bei der Arbeit mit KI die Frage nach der Richtigkeit der Übersetzung. Aus meinen bisherigen Erfahrungen heraus würde ich sagen, dass die Übersetzungen bei der Arbeit mit Brian und ChatGPT in etwa zu 95 % korrekt waren. Natürlich gab es vereinzelt Fehler oder unglückliche Formulierungen, insgesamt waren die Ergebnisse jedoch erstaunlich zuverlässig.
Dabei muss man allerdings auch berücksichtigen, dass die Qualität der Ergebnisse stark vom jeweils eingesetzten Modell abhängt. Meine Erfahrungen mit Brian und ChatGPT lassen sich daher nicht automatisch auf andere KI-Anwendungen übertragen.
Wichtig ist an dieser Stelle allerdings auch ein anderer Punkt: Schülerinnen und Schüler müssen den Umgang mit KI zunächst lernen. Rückblickend würde ich heute vor dem ersten Einsatz im Unterricht deutlich mehr Zeit in die Einführung investieren. Zum Zeitpunkt des Versuchs fehlte mir selbst noch ein Teil des Erfahrungsschatzes, den ich mittlerweile gesammelt habe. Entsprechend habe ich die Klasse zu wenig auf die Arbeit mit KI vorbereitet.
Für einen zukünftigen Einsatz würde ich daher zunächst die Grundlagen der Arbeit mit KI thematisieren und klare Regeln für den Umgang festlegen. Hier mein KI-Spickzettel für den Lateinunterricht.
Fazit
Die Erfahrungen mit beiden Tools haben gezeigt, dass KI den Lateinunterricht durchaus sinnvoll unterstützen kann. Insbesondere leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler greifen gerne auf den Tutor zurück, um sich bei der Übersetzungsarbeit unterstützen zu lassen. Gleichzeitig habe ich beobachtet, dass auch eher zurückhaltende und schüchterne Lernende die Möglichkeit nutzen, sich durch die KI abzusichern und Fragen zu stellen, die sie im Unterricht möglicherweise nicht gestellt hätten.
Dennoch sollte man die Antworten der KI nicht ungeprüft übernehmen. Schülerinnen und Schüler müssen lernen, die Vorschläge kritisch zu hinterfragen und zu reflektieren. Genau darin sehe ich auch eine wichtige Aufgabe beim Einsatz von KI im Unterricht.
Für mich liegt die größte Stärke der beiden Ansätze darin, dass die Schülerinnen und Schüler während der Übersetzungsarbeit individuelle Unterstützung erhalten können, ohne ständig auf die Hilfe der Lehrkraft angewiesen zu sein. Die KI ersetzt dabei weder den Lateinunterricht noch die Lehrkraft, sie kann aber als zusätzlicher Tutor einen wertvollen Beitrag leisten.
Neugierig geworden? & Materialien
- Wir haben für euch eine kleine Einheit mit Brian (E-Mailadresse benötigt) zusammengestellt, die ihr gerne selbst testen könnt. Den Link dazu findet ihr hier: https://student.brian.study/?course-code=zbdfph3
- Kostenfreier Workshop zum Kennenlernen von Brian: https://www.kms-bildung.de/workshop-individuelle-foerderung-mit-brian-im-unterricht/
- Mein Megaprompt für den KI-Tutor: https://www.kms-bildung.de/mein-ki-tutor-fuer-die-lateinische-uebersetzung/
- Übersicht zur Nutzung von KI im Lateinunterricht: https://www.kms-bildung.de/ki-spickzettel-fuer-die-unterstufe-ki-sinnvoll-im-lateinunterricht-nutzen/
Transparenzhinweis:
Brian AI ist Kooperationspartner von uns. Aus dem ersten Kennenlernen auf der LearnTec ist inzwischen ein regelmäßiger Austausch mit dem Team entstanden. Wir freuen uns sehr, unsere Erfahrungen aus dem Unterricht einbringen und so ein Stück weit zur Weiterentwicklung des Tools beitragen zu können. Die in diesem Beitrag beschriebenen Erfahrungen und Einschätzungen beruhen auf dem Einsatz von Brian in meinen eigenen Klassen und spiegeln meine persönliche Meinung wider.
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